Wiener Platz im Wandel der Zeit

Einführungsreferat am 15. April 2003 anlässlich der Eröffnung der Ausstellung im Überlacker-Häusl, Preysingstraße 58, von Johann Baier.

Über den Wiener Platz verlief die alte Burgfriedensgrenze der Stadt München zwischen dem seit Jahrhunderten städtischen Gasteig einerseits und der bis 1854 selbständigen Gemeinde Haidhausen andererseits. Diese Grenze verlief an der Südwestseite der heutigen Grütznerstraße und des Wiener Platzes über den Preysingplatz zur Steinstraße und zum heutigen Rosenheimer Platz, der früher
"Auf den Lüften" hieß.

Die Haidhauser Seite des Wiener Platzes war um 1800 bebaut mit Herbergsanwesen. Selbst auf dem Platz war eine große Herberge, in der eine Reihe von Handwerkern und Kaufleuten ihrer Arbeit nachging. Der Abbruch dieses Gebäudekomplexes erfolgte 1899, als man begonnen hatte, am Wiener Platz stattliche Mietshäuser im Stile des Neubarock und der Neurenaissance zu errichten. Unmittelbar an der Südwestseite des Wiener Platzes begann das Gelände der Bierkeller. Um 1860 gab es auf dem städtischen Gasteig nicht weniger als 64 Bierkeller (von 18 Brauereien) bis hinüber zur Rosenheimer Straße und zur Steinstraße. Es wurde schließlich auch das Gebiet der Mälzereien, Sudkessel und riesigen Restaurationsbetriebe (Münchner-Kindl-Keller, Bürgerbräukeller, Hofbräukeller usw).

Ursprünglich war die Bezeichnung "Gasteig" nur für den steilen Anstieg (gacher Steig) von der Isarbrücke hinauf auf die Anhöhe zur Gasteigkirche St. Nicolai gedacht, also ein Straßenname. Man übertrug aber dann den Begriff auf das gesamte Gelände zwischen Wiener Platz, Preysingplatz und Rosenheimer Platz.

Der Gasteig als Gelände hatte mehrere wichtige Funktionen im Laufe der Jahrhunderte übernommen:

1.) Bei St. Nicolai befand sich das Leprosenhaus; später nannte man es das Sondersiechenhaus, wo Personen mit ansteckenden Krankheiten aus der Stadt verwiesen wurden zum Schutz der übrigen Münchner Bevölkerung.
   
2.) Der Gasteig war das Gebiet, das die Stadt München und seine Residenz mit frischem Wasser aus den Hangquellen des Isarsteilufers versorgte (bis 1883, dann kam das Wasser im freien Gefälle vom Mangfalltal beim Taubenberg nach München). Noch heute tritt das Wasser an der Grenze zwischen dem wasserundurchlässigen Flinz und dem darüberliegenden Isarschotter auf halber Höhe des Hanges hervor. Bei einem Bummel vom Müllerschen Volksbad zum Maximilianeum kann man dies leicht erkennen.
   
3.) Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts benötigten die Münchner Brauereien neue größere Bierkeller, um ihr Hopfengetränk kühl lagern zu können. Die hochgelegenen Schotterterrassen auf dem Gasteig waren dafür bestens geeignet. Zur Beschattung der tiefliegenden Keller pflanzte man Kastanienbäume oder errichtete gewaltige Lagerhallen. Ende des 19. Jahrhunderts folgten dann die berühmten "Biertempel", die mehrere tausend Personen fassen konnten.
   
4.) Der Gasteig wies auch militärisches Gelände auf: Auf dem Militärholzgarten lagerten riesige Mengen Brennholz für die Kaserne auf der Kohleninsel, dem heutigen Standort des Deutschen Museums (vgl. die Bezeichnung "Holzhofstraße" beim Preysingplatz).
   
5.) Ferner diente das Gasteiggelände zur Sicherung der Isarbrücken. Der Übergang über die "isara rapidus", die reißende Isar, war an der Stelle der Isarinseln am günstigsten (vgl. die späteren Maximiliansbrücken).

Der Straßenzug zwischen St. Nicolai und dem Wiener Platz hieß sehr lange nur "Wiener Straße". Die Bezeichnung "Innere Wiener Straße" ist in den Stadtplänen kurz vor 1900 erstmals zu finden. Der heutige Wiener Platz wurde 1856, also zwei Jahre nach der Eingemeindung Haidhausens nach München, erst einmal "Am Platz" genannt; vorher war er im Volksmund das "Platzl" (vgl. Innenstadt beim Hofbräuhaus). Die "Äußere Wiener Straße", die "Am Platz" begann und so seit 1856 bezeichnet wurde, nannte man früher nur "Straße nach Wien", "Straße nach Mühldorf" usw. Übrigens erhielt Haidhausen erstmals offizielle Straßennamen im Jahre 1856, also zwei Jahre nach der Eingemeindung.

Als 1905 der "Max-Weber-Platz" seinen Namen erhielt, begann die "Äußere Wiener Straße" immer noch am Wiener Platz. Erst mit der Überbauung des ehemaligen Brauereigeländes auf dem Gasteig mit stattlichen Mietshäusern wurde aus der "Wiener Straße" die "Innere Wiener Straße". Erst seit 1956 wird diese Straßenbezeichnung bis zum Max-Weber-Platz weitergeführt. Aus der einstigen "Äußeren Wiener Straße", die ihren Anfang auf Haidhauser Gebiet, also am Wiener Platz, genommen hatte, wurde dann die "Einsteinstraße"; gleichzeitig wurde aus der "Äußeren Maximilianstraße" die "Max-Planck-Straße".

Am Wiener Platz treffen fünf Gestaltungselemente zusammen:

1.) alte Brauereigebäude (auf dem frühen städtischen Gasteig) in langer Tradition auf der Südseite des Platzes
   
2.) alte Herbergsanwesen aus der Zeit um 1800 auf der Nordseite (siehe auch die Kreppe = Quellmulde)
   
3.) stattliche Mietshäuser aus der Zeit um 1877 an der Sckellstraße und seit 1893, vor allem aber seit 1900 an der Inneren Wiener Straße. Sie beanspruchten oft die Fläche zweier abgebrochener Herbergsanwesen, weshalb manche Hausnummer heute nicht mehr existiert (Beispiele: Steinstraße 2, 4 und 6).
   
4.) Grünanlagen (Maximiliansanlagen), die von Hofgartendirektor Karl von Effner zwischen 1857 und 1861 auf dem kahlen Isarhochufer angelegt wurden. Der ehemalige Ripfelanger mit dem Maximilianeum kommt bis an den Wiener Platz heran.
   
5.) Zwei Bauwerke dominieren nahe dem Wiener Platz: der Bürklein-Bau des Maximilianeums (Grundsteinlegung 1857, Fertigstellung 1874) sowie die neugotische Pfarrkirche St. Johann Baptist von M. Berger (1852 –1874). Die Maximilianstraße sollte nach den Planungsunterlagen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts sogar einmal vor der Kirche am Johannisplatz enden. Man entschied sich aber dann doch (glücklicherweise) für das Maximilianeum als Ziel, denn sonst gäbe es heute keine Kreppe und wohl auch keinen Wiener Platz in der heutigen Form mehr.
 
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